Dass ich mich für die Ukraine in Geschichte und Gegenwart interessiere hat viel mit dem Ort zu tun, der polnisch, deutsch und jiddisch Zwiahel heißt (geheißen hat), dessen ukrainischer Name Novohrad Wolynskij lautet: Novograd/Neustadt in Wolynien. Der Name steht auf Fotos im Album des Karl Oetz: Soldaten an und auf einer Eisenbahnstrecke; Panzerzüge, die auf auf ihr rollen und bei Gelegenheit nicht weiter kommen (Partisanenwerk?), Soldaten, die die Strecke mit einer „Draisine“ befahren, Soldatenalltag, Kameradschaft. Ein Soldat, der wohl auf keinem der Fotos abgelichtet ist, Fritz Heise, hat in Zwiahel ganz anderes fotografiert: Menschen hinter einem großen Fenster (einem Gewächshaus?. Fritz Heise war ein politischer Mensch. 1933 (und wohl schon vorher) Mitglied der KPD, illegale politische Arbeit, Zuchthaus. 1938 oder 1939 wieder im zivilen Leben, das für einen wie er keinen Platz mehr vorsieht. Er findet ein soziales Netz, wie wir heute sagen würden, das ihn auffangen könnte: Er wird freiwillig Soldat der Hitlerwehrmacht und gelangt mit ihr 1941 in die Ukraine. Das Foto ist ein Akt persönlichen Widerstands. Festhalten für bessere Zeiten, dass im Juli 1941 in Zwiahel Menschen, Frauen, Alte, Kinder in einem Gewächshaus auf ihren Tod warten, während ihre Männer und Söhne schon in der Grube liegen Fritz Heise hat den Krieg überlebt, wurde 1949 Bürger der DDR. Ein Enkel hat Fotos und das Kriegstagebuch seines Großvaters ins Netz gestellt.
Fritz Heinze: „Swiahel August 1941. Sie warten auf ihren Tod. Jüdische, polnische, u. ukrainische Frauen und Kinder (vom Säugling bis zur Greisin) sind in einem Gewächshaus eingesperrt, weil die ausgeworfenen Gruben für die vielen Erschießungen nicht ausreichten. Sie kamen am anderen Tag dran.“
Es gibt ein zweites Foto: Der Blick geht über einen Fluss, den Slutch; eine Brücke und einen Ort, Zwiahel. Fritz Heise hat dazu notiert: „Das Stadtviertel vorn links eine tote leere Stadt, ehemaliges Judenviertel.“
Ich wollte mehr wissen, wenigstens ein kleines Gespür für den Ort oder die Gegend entwickeln, an dem sich die beiden Soldaten Karl Oetz und Fritz Heinze aufgehalten haben. Vielleicht sind sie sich ja sogar über den Weg gelaufen.
Mein Besuch, ein Nachmittag, war natürlich viel zu kurz, um wirklich recherchieren zu können. Es gibt in Zwiahel ein Museum über die sowjetische Zeit (1921 – 1941, 1944 – 1991), die deutsche Besatzung und die Ermordung der Juden. Ich habe es nicht besucht. Ich ging in Richtung Fluss und stieß an der Kante des Abbruchs zum Tal auf ein auffälliges Gebäude, dessen Funktion zunächst nicht offensichtlich war.
Eine Mauer aus weißem Kunststein hinter einer Steinmetzwerkstatt umgibt und stützt ein altes Gemäuer, verbirgt es dem ersten flüchtigen Blick. Auffällig sind die Bogenfenster. Es gibt kein Dach; im Innern grüne Vegetation. Auffällig auch die Balken, die die Mauer durchbohren. Ein Denkmal ohne Hinweis auf seine Bedeutung? Es konnte nur eine ehemalige Synagoge sein, dachte ich. Es gab zunächst niemand, der mir hätte Auskunft geben können. Ich stieg zum Fluß hinunter, um den Ort zu suchen, an dem das Massaker stattgefunden hatte.
Auf dem Weg zurück hielt ich einen Fahrradfahrer an, der sogar englisch sprach. Er meinte, es handle sich um eine ehemalige Kirche. Ich widersprach, Beide Sichtweisen: Synagoge, Kirche standen gegeneinander. Weitere Recherchen zu Hause führten mich zum historischen Foto einer Synagoge. Es muss sich um dasselbe Gebäude handeln:
Sogar die eigentümlichen Anbauten sind in besserem Zustand noch da. Es fehlen allerdings Haus und Werkstatt des Steinmetz. Auf dem Foto von Fritz Heinze Habe ich so ein Gebäude am linken oberen Rand, am Rand des von seinen Bewohnern geleerten jüdischen Viertels ausgemacht. Wenn es eine Synagoge war, war sie es. Es war gewiss nicht die einzige in Zwiahel/Novohrad, aber eine von zentraler Bedeutung, die „Große Synagoge“ vielleicht.
abcdef
Hier ist eine Korrektur notwendig. Leonid Kogan, aus Novohrad Volynskij stammend, in Lübeck lebend, setzt sich mit der Geschichte seiner Heimatstadt auseinander. Er weist mich darauf hin, dass die „Große Synagoge“ im Ortszentrum (mit Adressse!), nicht am Rand gestanden hat. Sie sei schon in den zwanziger oder dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr benutzt und vor der der deutschen Besatzungszeit abgerissen worden. Nach dem Krieg sei oberhalb des Slutsch der Bau einer orthodoxen Kirche begonnen, aber nicht vollendet worden. Dort, wo ich meine Fotos gemacht habe. Mein Gesprächspartner hatte also Recht. Was davon übrig ist, wundert mich immer noch. Dennoch: einen herzlichen Dank an Leionid Kogan für den Hinweis.
„On the eve of World War II, Zhvil sheltered 6,839 Jews. German troops entered Zhvil on 8 July 1941. The Nazis and their minions did not waste time herding the town’s Jews into a ghetto; one brief month later, one-thousand Zhvil Jews were murdered with Germanic efficiency. Another short month and four-thousand more Jews were processed through the maw of the German execution machine.
Only those few Jews who had useful skills were spared, for the time being, and sent to a labor camp. November 1942 saw the successful escape from the labor camp of the remaining Jews, who made their way into the surrounding forest anand joined partisan groups hiding in the woods.“ (Fundort hier).
Mahnmal am Ort der Erschießungen
andere Synagogen und mehr über die Juden in Zwiahel
Es gibt noch ein Zeugnis über die Ermordung der jüdischen Bewohner der Stadt, das der Soldatenheimhelferin Annette Schütting im Spiegel-Interview 2010. Neuer als Buch die Korrespondenz der jungen Frau mit ihrer Familie: Paulus u.a. (Hrsg.): Soldatenheimschwester an der Ostfront.
Ich fand ein Video über das erwähnte Museum in Novohrad Volynskij von Robert Strobel in russischer oder ukrainischer Sprache mit deutscher Übersetzung als Teil eines „Karl Ebel-Projekts“.
Zwischen Shitomir und Novohrad Wolynskyi verkehrt eine Art Vorortzug, ‚Elektritschka‘ auf der Strecke, die Karl Oetz 1941 bewacht hat.
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