1935
Hitlerdeutschland führt die allgemeine Wehrpflicht wieder ein.
Karl Oetz ist „weißer Jahrgang“. Die Erfassung der 1909 Geborenen ist für 1940 vorgesehen.
April 1940
Soldat in Sachsen (Döbeln) und zeitweise in Polen: Hrubieszów (am Bug) und Ujazd (bei Lodz). Hierzu Hrubieszów 1940
Danach wieder in Sachsen (Zwickau, Oschatz, Grimma) und ab September wahrscheinlich in Niederschlesien.
Ende Mai oder Anfang Juni 1941
Aufbruch von der Oder nach Osten. Aus der ländlichen Idylle in den Krieg. Aufmarsch zum „Unternehmen Barbarossa“, dem Überfall auf die Sowjetunion.
Fotos ermöglichen Rekonstruktion des Reisewegs: Preichau (heute Przychowa) an der Oder, bei Steinau/Szinawa – Pulawy (Weichsel) – Lubartów – Rejowiec Lubelski – Hrubieszów.
22. Juni 1941
Überfall auf die Sowjetunion. Karl wahrscheinlich von Anfang an dabei. Fotos von Krystynopol/Tschervonohrad.
Juni – August 1941
Karl in der Westukraine/Wolynien Fotos von „Rollbahn Nord“ (Straßenverbindung nach Kiew) und Eisenbahnstrecke Zwihael/Novohrad Wolinski – Shitomir. Einige Wochen in der Nähe des Ortes Babischowka/Babischiwka.
Herbst/Winter 1941/42
Rokitno/Rokytnoe in der Nähe von Bila Zerkwa südlich von Kiew.
Im Winter „Trossfahrt“ von Rokytnoe nach Krementschug am Dnipro/Dnejepr und zurück nach Roytnoe
Juli/August 1942 Krementschug
Oktober 1942 Verlegung nach Nordosten Richtung Krupez/Orel in Russland. März 1943 „Raum Krupez-Orel“.
Nach dem Fall von Stalingrand versuchte die Hitlerwehrmacht den Gang des Krieges noch einmal zu wenden, und doch noch nach Moskau zu gelangen. Die mörderische Schlacht bei Kursk soll es erzwingen. In den Wochen tobten in der Gegend heftige Kämpfe zwischen der „Wehrmacht“ und russischen Partisanenverbänden. An denen muss karl beiteiligt gewesen sein.
„Meyer“ taucht schon auf einem Foto vom Aufmarsch in Polen in 1940 auf. Anscheinend sind die beiden Soldaten den ganzen Weg zuammengegangen. Wer Meyer war und was aus ihm geworden ist, ist nicht zu klären.
24. Mai 1943
Verwundung bei Pokrowskoje (Oblast Orjol, Russland). 25.Mai in Feldlazarett Orel. 26. Mai in Kriegslazarett Minsk
Die Verwundung war für Karl ein „Glück“: an während der eigentlichen Schlacht bei Kursk war r in Lazaretten in Sachsen.
in der Heimat:
12.Juli Reservelazarett Döbeln, 24. August Reservelazarett Dresden, 14. Oktober Radebeul Bilz-Sanatorium
24.02.1944
laut Mitteilung der ‚Deutschen Dienststelle‘ Berlin vom 25.04.2014):
„Abgang 24.02.1944 innendienstfähig zur[!] Jägerersatz-Bataillon B, Arys“. Ist der „Abgang-Vermerk identisch mit dem tatsächlichen Ortswechsel?
09.August 1943
Am 08. oder 09. August Karl „vermisst“ an der Weichsel „Raum Annopol“, ca 130 km südlich von Warschau (Mitteilung der ‚Deutschen Dienststelle Berlin vom 25.04.2014).
Seit dem 01.August kämpften in Warschau polnische Aufständische gegen die deutschen Besatzer. Am 05.06. mordeten die Besatzer, einem Befehl des „Führers“ folgend „mindestens 10.000 Zivilisten im Stadtteil Wola (Massaker von Wola).
Anfang August 1944 haben sich zwei Briefe gekreuzt: Der eine von der Front in Polen teilt Karls Frau, Margarete mit, dass ihr Mann von einem militärischen Auftrag nicht zurückgekehrt sei. Zu dem Zeitpunkt war Karl Karl Unteroffizier, eine Offiziersbewerbung lief. Der zweite von der Spitze des Keramik-Unternehmens Villeroy&Boch an die Front, in dem Karls Ernennung zum Prokuristen des Dresdener Werks von V&B mitgeteilt wird, an dem er vor dem Krieg beschäftigt gewesen war. Sein ältester Sohn war sechs Jahre alt, der zweite vier, der jüngste ein Jahr alt. Die Mutter und die Kinder hat Karl seit 1940 nur bei gelegentlichen Heimaturlauben und während der Rekonvaleszenz nach der Verwundung gesehen. Das Bild von ihm ist beim Ältesten extrem vage, der Jüngste hat ihn nur als Säugling ‚erlebt‘. Die beiden Älteren waren seit Januar 1944 allerdings bei der sorbischen, katholischen Bauernfamilie Opitz in Dorf Räckelwitz bei Kamenz evakuiert. Vermittelt hatten das der Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Joseph in Dresden und seine Schwester, die Lehrerin in Räckelwitz war. Ich möchte darin einen Akt wenigstens der Distanzierung vom Naziregime sehen: Die beiden Söhne wurden der NS-„Kinderlandverschickung“ entzogen. Im Oktober hat die Mutter sie nach Dresden zurück geholt. Da war der Vater endgültig „verschollen“.
Eine beunruhigende Situation
Der Fotograf (Karl, ein anderer?) sitzt offensichtlich auf einem Güterwagendach. An welcher Aktion ist der Fotograf beteiligt? Neben dem Zug Menschen mit Gepäck. Wer sind sie? Wohin werden sie gebracht: Zwangsarbeit in Deutschland, Schlimmeres? Das Foto hat keine der sonst üblichen Hinweise auf die Situation, nicht einmal verschlüsselt wie auf dem Foto der jüdischen Bauernfamilie in Hrubieszów von 1940. Das Foto passt nicht zu den meisten anderen in Karls Album, die Situationen des Soldatenleben abbilden.
Andere Fotos sprechen dafür, dass Karl wenigstens in den ersten Jahren im Osten durchaus Empathie für Menschen auf der „anderen“ Seite empfunden hat, vielleicht auch Neugierde, Mitgefühl. Auch zur Aufnahme am Schützengraben mit dem deutlich jüngeren Kameraden Meyer hätte ich ihm gerne Fragen gestellt. Ich sehen einen Älteren, der dem Jüngeren väterlich oder freundschaftlich, ermutigend oder tröstend die Arme auf die Schultern legt. Die Nähe des Todes ist spürbar.

















